Bolek und Lolek
Im Jahre 1962 veranstaltete das verstaatlichte Trickfilmstudio Polens, Studio Filmów Rysunkowych in Bielsko-Biala, erstmals einen Wettbewerb um neue Trickfilmfiguren für eine TV-Kinderserie. Der deutschstämmige Künstler Alfred Ledwig war einer der sieben beim Studio angestellten Regisseure. Er wurde u.a. für die "Bolek"-Figur mit einem Hauptpreis ausgezeichnet. Leszek Lorek mit einem Hauptpreis für die "Lolek"-Figur.
Diese preisgekrönten Entwürfe sollten im Rahmen eines Vertrages zu einem sogenannten "Plastischen Drehbuch" für eine ganze Serie nachgebessert und ergänzt werden. Lorek verzichtete allerdings darauf, verkaufte Ledwig die Rechte an seiner Figur, und dieser übernahm die auszuführende Aufgabe alleinverantwortlich. Um die beiden Figuren stilistisch zu vereinheitlichen, entwarf er einen vollkommen neuen Lolek, der an seinen bisherigen Bolek angepaßt war. Beide Figuren lizenzierte er dann dem Studio zur Verwendung in 13 Folgen zu jeweils 8-10 Minuten. Die nach damaligem polnischen Recht gesetzlich vorgeschriebene Vertragslaufzeit derartiger Vereinbarungen betrug 10 Jahre.
Die sieben Regisseure teilten sich scheinbar gerecht die Abeit an dem prestigeträchtigen Projekt. Bei jeweils zwei Folgen führten Wladyslaw Nehrebecki, der damals kommissarischer Direktor des Studios war, sowie Leszek Lorek, Stanislaw Dülz, Waclaw Wajser, Lechoslaw Marszalek und Alfred Ledwig selbst Regie, bei der dreizehnten Edward Wator. Während Ledwig, Marszalek und Wajser ihre eigenen Drehbücher verfilmten, stammten alle anderen aus der Feder von Nehrebecki und/oder Lorek.
Der einzige Name, der in jedem Vorspann unter der Rubrik "Plastisches Drehbuch" auftauchte, war der von Alfred Ledwig. Da dort auch weitere Animateure explizit genannt wurden, dürfte es sich beim "Plastischen Drehbuch" wohl um das Storyboard gehandelt haben. Ledwig oblag damit die Verantwortung für die zeichnerische Umsetzung der Skripte.
Die Serie heimste sofort Preise ein: Den ersten gab es 1964 in Venedig für die Folge "Corrida" (dt. "Der Stierkampf"; Drehbuch und Regie: Lechoslaw Marszalek), einen weiteren 1965 in Gottvaldovo für den Film "Kusza" (dt. "Die Armbrust; Drehbuch und Regie: Wladyslaw Nehrebecki). Sie begründeten den Ruhm und die internationale Verbreitung der Serie.
Zunehmend jedoch habe Nehrebecki versucht, die Kontrolle über die Verwertung der Figuren zu übernehmen, was in erster Linie dadurch gelang, dass Ledwig seltener an Produktionen beteiligt wurde. Ledwig nahm dies nicht tatenlos hin, sondern verlängerte folgerichtig seine Lizenz 1973 nicht. Im Mai 1975 einigten sich Nehrebecki und Ledwig vor dem Schlichtungsausschuss des Polnischen Autorenverbandes (ZAIKS) darauf, dass "der künstlerische Autor der Figuren "Bolek und Lolek" im Sinne der Urheberrechte und der geschlossenen Verträge Herr Alfred Ledwig ist". Ohne seine Zustimmung dürfen keine anderen Künstler mit den Figuren arbeiten, wobei Nehrebecki korrekterweise Autorenrechte an den von ihm geschriebenen oder als Regisseur gedrehten Filmen eingeräumt wurden.
Diese Sachlage hätte, solange Ledwig kein "Okay" gab, zu einem sofortigen Stopp der Produktion neuen Bolek-und-Lolek-Materials führen müssen. Aber ganz im Gegenteil. Leszek Mech (1933-2004), von 1962 bis 1971 als "Literarischer Leiter" (also Chefdramaturg, d.h. oberster Drehbuchautor) von Studio Filmów Rysunkowych tätig, wurde häufig vom 10 Jahre älteren Nehrebecki mit der Erarbeitung neuer Fimszenarien beauftragt, ließ sich jedoch stets schriftlich bestätigen, dass sein Auftraggeber im vollen Bewusstsein der Verletzung von Ledwigs Urheberrechten handelte. In einer eidesstattlichen Erklärung, die Mech in seiner Wahlheimat Kanada 1999 der dortigen Staatsanwaltschaft abgab, bestätigte er nochmals die volle Urheberschaft Ledwigs an den Figuren.
Endgültig ausgebootet wurde Alfred Ledwig, als er Anfang der 80er Jahre in Zusammenhang mit der polnischen Untergrundbewegung Nationale Konföderation gebracht wurde. Er kam zunächst als politische Unperson ins Gefängnis, anschließend presste ihm die Geheimpolizei als Gegenleistung zur Ausreise nach Deutschland die Überschreibung der Urheberrechte an seinen Figuren auf das staatliche Studio für den Zeitraum von 5 Jahren ab. Diesmal bedeutete das Auslaufen der Frist allerdings auch tatsächlich das Ende der Filmproduktion mit Bolek und Lolek im Jahre 1986.
Sofort nach seiner Übersiedlung nach Deutschland, wo Alfred Ledwig heute noch in Leverkusen lebt, begann er, juristische Mittel zur Anerkennung seiner Urheberschaft bzw. zur Kompensation für deren anhaltende und bis heute dauernde Verletzung einzusetzen. Diese gipfelten zunächst nach insgesamt 30 Jahren im Juni 2004 in ein letztinstanzliches Urteil des Obersten Gerichts Polens, das die Autorenschaft an den Figuren zu 1/3 dem bereits verstorbenen Wladyslaw Nehrebecki und zu 2/3 Alfred Ledwig zuerkannte, der um 95% gestritten hatte. Es hob damit ein früheres Urteil der ersten und zweiten Instanz von 1998 auf, in dem Ledwigs Urheberschaft an Mustervorlagen für die Figuren Bolek und Lolek bestätigt worden war.
In dieser höchstrichterlichen Rechtsprechung wird die (kultur-)politische Dimension des Streits um Bolek und Lolek deutlich, denn die Filme waren und sind weit über die Grenzen Polens hinaus populär. Es handelt sich bei ihnen quasi um "nationales Kulturgut", und die Gerichte werden enstprechend nationalistisch voreingenommen sein, wenn ein deutschstämmiger Künstler um Anerkennung seiner Urheberschaft prozessiert. Da es sich inzwischen um einen internationalen Fall handelt und die Verfolgung Ledwigs durch die kommunistische Diktatur mit hineinspielt, sind die Verfahren mittlerweise beim Europäischen Gerichtshof in Strasbourg anhängig. Ledwig gegenüber prozessieren die Erben Nehrebeckis, vermutlich im Auftrag des Studios als dem heutigen Rechtsnachfolger, Filmmaterialbesitzer und Lizenzgeber.
Mit den Konsequenzen dieser äußerst komplexen, verworren scheinenden Rechtslage sowie den offensichtlich breiten Auslegungsspielräumen von Urheber- und Autorenrechten beschäftigen sich inzwischen auch schon die Rechtswissenschaftler. Es stellt sich die Frage, wie die ständig neuen DVD-Editionen (auch die deutschen) juristisch abgesichert sind, wer derzeit mit welcher Berechtigung die Rechte vertreibt und an Ledwig vorbei an ihnen verdient usw. Und das Ende ist weiter offen.
Comix-Freunde
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